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Review:: Sixth part of the world

Review:: Sixth part of the world Posted on 28. August 2016

Postrock trifft auf sozialistischen Art House Film der 1920iger Jahre:  Die vierköpfige belgische Band “We stood like Kings” spielt zu live zu Dziga Vertovs „A Sixth Part of the World“  (zu Deutsch: Ein Sechstel der Erde) von 1926 und zieht einen Klangteppich über die Vielfalt Russlands. Zwischen 7/8 Rhythmen und Godhouse-Klängen bescheren E-Piano, E-Gitarre, E-Bass und Schlagzeug ein fulminantes Feuerwerk, die Landschaften, Bevölkerungsschichten, Religionen und Lebensgewohnheiten Russlands erbeben lassen.

Seltsam anmutend sind die Botschaften die sich immer zwischen den Bildern des Filmes gesellen: “Ihr. Aus Kasachstan.”, “Ihr, die am Kaukasus wohnt”, “Ihr, die Tataren sind” zeigen die Vielfalt Russlands und seine unendliche Weite. Nicht ganz verstehend, warum einzelne Bevölkerungsgruppen genannt werden, wird in der Mitte des Filmes ganz deutlich: “Ihr. Das Volk Russlands, dass die Welt revolutionieren wird” und eine Lobeshymne an den Sozialismus singt. “Ihr Männer, die ihr produziert”, “Ihr Frauen, die in Fabriken arbeiten”  rufen auf, dem Kapitalismus des Westens nicht so fromm gegenüber zu stehen, wenn man Felle, Tabak, Getreide und Öl in den Westen via Schiff verladen lässt. “Ihr, die ihr Waren verkauft und dann Maschine kauft, um Maschinen zu bauen” sind ein Grund mehr in die Tiefe des Filmes zu tauchen.

Die kritische Haltung gegenüber Lenins Exportwirtschaft wird mehrfach angesprochen, aber ebenso Lenin geschmeichelt.  “Lenin, der du Eisbrecher bist” heißt es einmal im Film. Zwischen den Bildern erhebt sich laut das Wort “капитал” (Kapital), mehrfach wird auf das Kapital Russlands hingewiesen. Zwischen Art House und Dokumentation bewegen sich die Bilder, die gezeigt werden. Chris Marker formulierte: “Wenn ich die zehn besten Dokumentarfilme aller Zeiten auswählen müsste, würde ich es absurd finden. Aber wenn es gilt, Einen zu wählen: Ein Sechstel der Erde.”

Filmmacher und Medientheoretiker Dziga Vertov (1896-1954), bekennender Klassengegner gilt als Vorbild, wenn es darum geht, Beweglichkeit in Bildern festzuhalten. Mit “A Sixth Part of a World” wendete Vertov sich radikal gegen das bürgerliche Illusionskino und drückte sich poetisch radikal aus, schuff mit Schnitt und Text eine neue Dimension, die verborgene Strukturen aufdecken sollen, nennt sie selbst “Kino-Pravda” (Kino-Wahrheit). Charlin Chaplin und Walter Benjamin gelten als Bewunderer Vertovs, der sich vor allem durch den “Stalinstaat” sehr in seiner Kunstschaffung beschnitten fühlte.

“We stood like Kings” sind nicht die ersten, die “A Sixth Part of the World” vertont haben.  Michael Nyman vertonte in den 1990iger Jahren bereits den Film, in Auftrag der Wiener Konzerthausgesellschaft. Vertovs Werke finden sich gesammelt im Österreichischen Filmmuseum.

Mit “A Sixth Part of the World” hat Vertov ein Werk geschaffen, dass eine eigene Sprache hat und sehr tiefe Einblicke in die russische Geschichte der 1920iger Jahre gewährt.

 

Hier gehts zur Website der Band: We stood like kings

Hier gehts zum Film: A sixth part of the world

 

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