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[txt] Wahnhaftig.

[txt] Wahnhaftig. Posted on 14. März 2016

Gespräch, dann Geschwätz. Irgendjemand musste, ohne dass er es wusste und im Anbetracht dessen, drei Kaffeehäuser weiter, und sich keiner Schuld bewusst zu sein, seine Worte gestohlen haben, denn er konnte sein Schreiben nicht mehr finden. Dennoch, nicht ganz frei von Schuld, so dachte er zumindest, wäre es ein Ansatz unter seiner Kaffeetasse nachzusehen, und wenn es so sein würde, dass sich seine innere Sprache darunter platzierte, wie sonst nur der Sud an Tassen heftet, wäre es wohl doch eine unausgegorene Idee und verwarf sogleich im selben Moment wiederum den Gedanken. Herr Wondracék, der Kellner des traditionsbewussten Kaffeehauses, kam diesmal nicht, um ihn, so hoffte er doch ein wenig, bei seiner Suche behilflich zu sein. Die alte Dame quer gegenüber starrte ihn an, verzog aber bald möglichst ihr Gesicht, als sie ihn betrachtete. Er spürte, dass der Ekel an ihm haftete, oder so schien es ihm eher, der Ekel ein Geschenk starrender Menschen war. Deswegen nahm er seine Tasche und kramte sein Notizbuch hervor. Es war ihm, als hätte er es, da war er sich fast schon wieder sicher, noch nie gesehen. Das Leder fühlte sich fremd an, ebenso die zwei Bänder, die bereits ausgefranst waren, eines gelb, mehr dottergelb, das andere blau, etwas ausgeblichen, aber nicht, dass es ihm deshalb nicht doch auch wieder gefallen würde.In der Innenseite befand sich zusätzlich Papier, ein Taschentuch mit Notizen, das fiel ihm in diesem Moment wieder ein, eine Postkarte, sie hatte ihm damals gefallen, mitgenommen, an einem dieser Postkartenständer für Touristen, für ein paar Münzen, viel zu teuer für das bisschen Karton. Sein Zeigefinger strich über das Papier, welches sich vor ihm so offenbarte, Wort um Wort gereiht. Satzkette um Satzkette, die sich ineinander verstrickten, ein bizarres, tintenverwischtes Muster ergaben, aber dennoch lesbar waren, etwas das er nicht geschrieben haben konnte, seine Worte waren ja weg. „Was machen Sie denn da?“, erboste sich Herr Wondracék, seine Hände um seinen Bauch gefaltet, er musste ihn wohl von Zeit zu Zeit halten, um ihm die Möglichkeit zu geben, sich nicht noch weiter auszudehnen. Er war sich nicht sicher, ob er, der Protagonist in seinem eigenen Leben, oder wohl eher Schauspieler, lieber würde er sich Dilettant nennen, gemeint war oder ob Herr Wondracék mit seinem Kollegen sprach, über welchen er in Abwesenheit desjenigen, nichts lieber tat, als ich über dessen Arbeitsmoral zu mokieren und zeitgleich seine eigene zu vergessen, so schien es jedenfalls C. . „Ich suche meine Worte, ich hab sie verlegt“, stammelte, kaum hörbar und mit unsicherem Ton, durchaus zweifelnd an dem, was er so von sich gab, der selbsternannte Dilettant. „Hören`S hier werden´s das nicht finden“, schnorrte Herr Wondracék, wie immer mit seinem selbstgefälligen Ausdruck, gepikt mit Verachtung, so nahm man es jedenfalls wahr. Ein Lachen war zu vernehmen, C. war sich uneins darüber, ob es bloß Herr Wondracék war, oder auch sein Kollege, womöglich die spärlich besetzten Tischmenschen, die sich ob seiner Aussage, die sich auch jetzt im Nachhinein durchaus als schamhaft erwiesen hatte, lachten. So ging es einem, der die Wort und Satz verloren hat, womöglich alles an Sprache, so sagte er sich, und hatte jetzt, nachdem er sich gewiss zu sein schien, dass auch hier, wo er gerade saß, keine Worte von ihm sein würden, und wenn sie es gewesen wären, dann nur zu dem Zeitpunkt da gewesen wären, an dem keiner lachte, würden sie, für ihn etwas grundlos und überreagierend, den Ort verlassen haben. C. griff in die Tasche, zahlte erneut mit ein paar Münzen, so erwiesen sich Münzen vor allem deswegen praktisch, als dass sie klimperten, sofern er sich auf den Weg machte, ihn beschwerten, wenn er Leichtigkeit fühlte, nicht zu viel, als dass er dadurch voller Schwermut wurde, gerade soviel, nicht auf Wolken gehen zu müssen, wieder ein paar weniger dachte er sich, er müsste wieder nachfüllen, sobald er zuhause war. Die Straße hatte sich, majestätisch vor ihm ausgebreitet, und doch, kein einziges Wort war zu Boden gefallen, oder hing an einem der Bäume, oder klebte an einer Hausmauer, oder fügte sich in eine Fassade ein, oder stand vor einem der kleineren Türen oder größeren Toren, sie saßen auch nicht auf den Fensterbrettern oder hatten es sich auf Eingangsstufen gemütlich gemacht. Er war sich jetzt sicher, und unterstützte sich das durch eine etwas unbeholfene Geste, so als hätte man ihm gerade die Innenseiten der Hosen nach außen gestülpt, dass man ihm die Sprache gestohlen hatte. Hinterlistig, gar durchtrieben, war sie des heutigen Tages verschwunden, ohne Vorwarnung, aber so ist das wohl, wenn einem die Sprache gestohlen wurde. Das war, angesichts der Lage, in der er sich selbst gebracht hatte, oder besser wohl bringen hat lassen, problematisch, wo doch C. seit ein paar Jahren, nach Jahren es Misserfolges, und nach Jahren des Nicht-abbringen-lassens, endlich ein Quäntchen beruflichen Erfolg in Form eines Buches an jedem Buchladentisches zu haben war und er, so war er sich seitdem sicher, auch in ein paar Jahren noch zu haben sein würde, er hatte seine Seele gut verkauft, im Vergleich zu anderen, und eines war für ihn gewiss, jeder verkaufte seine Seele, die Einen etwas besser als die Anderen.

Seine Sprache war sein Kapital, und jetzt wo sie gestohlen war und er, sofern er überhaupt je so etwas wie Hoffnung besessen hatte, diese in Form seines Buches in höher Stückzahl verkauft hatte, wurde C. klar, dass es sich um Bestimmung, oder Schicksal handeln musste, an den Zufall glaubte er kaum, für einen Schriftsteller ist das Schicksal und seine Bestimmung ausschlaggebend, daran hatte er keinen Zweifel. Es war ihm gewiss, dass er er nur ein Buch hatte schreiben müssen und dass es für ihn vorgesehen war, kein weiteres zu schreiben. Das erschreckte ihn nicht weiter, er wusste ja, wie sehr das Buch gefeiert wurde, womöglich waren auch die letzten seiner Worte in die Buchläden gerannt um sich unter ihresgleichen dem Vergnügen, in einem schönen Muster aus Satz und Wort, Bild und Metapher, wohnen zu dürfen, zu frönen. Selbst wenn es so wäre, so wusste er, dass er seine Worte unmöglich zurückholen konnte, man durfte sie nicht stören, wenn sie einander lieb gewonnen hatten. C. marschierte zur Eisenbahnbrücke, das Rattern der Züge half ihm, seine Gedanken in eine gewisse Regelmäßigkeit zu versetzen. Seine Worte waren zu einer großen Wahrscheinlichkeit von ihm gegangen, so sicher war er sich nicht mehr, dass sie gestohlen waren und wenn doch, was brächte es ihm jetzt noch? Ohne Worte konnte er nicht leben, seine Sprache war verschwunden, es wäre möglich, dass das Letzte, dass er je gesagt hatte im Kaffeehaus vergeudet hatte, und beschämend war es allenfalls. Die Worte hatten sich in Luft aufgelöst, es war ihm unmöglich danach zu greifen, so sehr er es auch versucht hätte. Ohne Worte kann man nicht leben, das war ihm nun gewiss. Er sah durch die Eisenstreben der Brücke, welche an den Nägeln, so bemerkte er erst jetzt, zu rosten begannen. C. sah die beschmierten Seitenwände weit unter ihm, in mittlerweile vom Regen ausgewaschenen Farben, und doch hatten sie nichts an ihrer Einzigartigkeit eingebüßt. C. wusste nun, wo seine Worte hingewandert waren, er hatte sie schlussendlich gefunden, sie waren ihm nicht gestohlen worden, sie hatten ihm bloß den Weg, wenn auch auf sehr diffuse Art und Weise gezeigt. Er musste ihnen folgen.

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