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Gleich(ung).

Gleich(ung). Posted on 4. April 20152 Comments

Ich wollte nur mehr gehen, es reichte für heute Abend. Er war nicht sonderlich gut verlaufen, wir hatten Worte in den Raum geworfen, uns davon erzählt, wie großartig wir nicht waren und was wir schon nicht alles erlebt hatten, wir sind ja so weise und soviel anders als die anderen Personen. Wir hatten schon oft so schlechte Erfahrungen gemacht, dass es egal war, ob sich noch ein schlechter Abend hinzugesellte, es gibt ja noch viel schlechtere. Was will ich dir noch vom Leben erzählen? Du kanntest die ganze Scheiße ja selbst. Wir waren viel zu traurig und bereits zu müde unsere Lebensgeschichten darzulegen, den jeweils anderen interessierte es ohnehin nicht sonderlich. Einen Abend der Einsamkeit entkommen, in der Hoffnung, sich jemanden Fremden komplett zu öffnen und offenbaren, die Angst hinter einen lassen, mutig sein, im betrunkenen Zustand ist es ja leicht.
Wir hatten uns geöffnet, aber genauso wie die von uns gehassten Hipster, immer mit dem Anspruch an Fuck Establishment und trotzdem cool sein und jetzt ging es uns beschissen. Wir hatten uns selbst verneint, in unserer Suche nach dem kleinen Funken Glück, den wir beide für uns beansprucht hatten, dass wir ihn auch wirklich haben möchten und der Zuwendung, die uns eigentlich gebührt. Wir hatten es verbockt, ich, in dem ich den Abstand zu dir kontinuierlich vergrößerte, weil du mir zu nah gekommen warst, ohne mich angefasst zu haben und du, weil dein Interesse an mir immer nur eine kleine Flamme war und nun zu Asche geworden war. Ich wollte dich anfassen und traute mich nicht, ich wollte dir diesen Lebensschmerz etwas nehmen, du hattest ihn in den letzten Stunden in Wein etwas benommen gemacht. Meine Augen betrachteten lieber die Weingläser, als deine Augen, aus Angst, dass du direkt in mich springen würdest, dass du mich von innen in Einzelteile reißt und ich mich nicht mehr zusammensetzen kann. Ich wollte weg. Etwas zu hastig ging ich zur Tür, die Jacke schnell über die Schultern geworfen, und schon zwang ich mich in die Schuhe. Du standest da, noch viel trauriger als vorher, ich wollte nicht Mitleid empfinden, das konntest du nicht brauchen. Aber ich empfand, plötzlich, unbegründet und unbedarft. Kein Mitleid. Sowas wie eine Anbahnung von Liebe, für dich, weil mir das Gefühl vertraut war und es ein Fehler wäre, dich jetzt allein zu lassen in dieser Welt, die wir vorhin stundenlang in uns aufgewühlt hatten. Langsam bewegte ich mich auf dich zu, du zucktest leicht zusammen. Ich blieb einen kaum mehr spürbaren Abstand vor dir stehen und nahm deine rechte Hand und umschloss sie mit meinen kalten Fingern. „Sag stopp“, flüstere ich dir in deinen leicht geöffneten Mund, während sich meine Lippen immer näher an deine annähern. „Gleich“, murmelst du, bevor unsere Splittern des Erlebten von Mund zu Mund springen und unsere Lippen die letzten Grenzen sind.

[.txt*] ist ein grandioses Projekt von Dominik Leitner. Jedes Monat betritt ein neues Wort die Bühne, dass verlangt, schriftlich aufgeführt zu werden. Das inszenierte Wort für diesen Monat ist “gleich“. Dort befinden sich auch die vielfältigen Texte der anderen großartigen Autoren.

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