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Bild[schön].

Bild[schön]. Posted on 15. März 20151 Comment

Ich habe auf dich gewartet. Die Zeit in der fremden Stadt schien unendlich langsam zu vergehen, die Sehenswürdigkeiten waren alles andere als sehenswürdig. In einer Seitengasse der Innenstadt hatte ich vor ein paar Tagen einen Papierfachhandel entdeckt, ein kleines Zuhause in einer Stadt, die viel zu groß und laut für mich war. Zögernd betrat ich den Laden, das war nicht nötig, der vertraute Geruch nach Papier, Staub und Farben stieg mir in die Nase. Ich kaufte ein paar Bögen Papier, Graphitstifte, Kohlestifte und ein paar Kleinigkeiten, eigentlich nicht der Rede wert. Später, als der Regen versuchte, die dreckige und kalte Stadt wieder rein zu waschen, saß ich in meinem Bett, ein Blatt Papier auf einem Pappkarton, den ich aus dem Müll zuvor gefischt hatte, die Stifte in einem Teller. Langsam und genussvoll zog ich an meiner Zigarette, endlich war die Zeit gekommen. Bald würdest du da sein und bald würde ich dir etwas schenken können, dass du nie vergessen würdest, es war mir ein Bedürfnis, du weißt. Bald musste ich dich nicht mehr vermissen und das war gut so. Die Zigarette legte ich zur Seite und während der Rauch aufstieg, begann ich zu malen. Es war so unsicher, ob ich meine Finger mich diktierten oder es mein Herz war, dass plötzlich anfing die große Liebe aufs Papier zu bringen. Striche von Kohlestiften trafen auf jene mit Graphitmine, alles sah plötzlich so einfach und klar aus, das Leben verhielt sich nicht anders. Das Leben malte ebenso mit verschiedenen Stiften und verschiedene Linien, die sich kreuzten, alles war auf der Stelle begreifbar. Es war ein Leichtes dich zu zeichnen, du warst so bildschön. Stundenlang hatte ich mir Fotos von dir angesehen, ich hatte dich oft genug gefühlt, jede deiner Linien war mir so vertraut wie meine eigenen, sie hatten sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Je weiter ich fortschritt, desto kühner wurden meine Versuche, dich perfekt zu treffen. Meine Finger griffen in die Asche der gerauchten Zigaretten und zeichneten deine ersten Falten, die du genau über deiner Nase bereits hast. Ich fuhr hin und wieder über deine ersten Falten und riss Witze darüber, dass sie vom vielen Denken kamen, weil du immer so nachdenklich warst, immer getrieben von der Angst, nicht passend zu sein. Die geschwärzten Fingerkuppen fuhren unter deine Augen und zeichneten deine Augenringe, die du von deinen Ängsten hast, die dich auch nachts immer plagen. Die nächste Zigarette ansteckend betrachtete ich das Bild. Ich war ganz zufrieden damit. Du sahst aus, wie ich dein Bild in mir abgespeichert hatte, für alle Ewigkeit, mein Leben lang, meine Angst, dich irgendwann vergessen zu müssen.

Bildschön standest du da, in dem Durchgang zu den Bahnsteigen, vom Regen nass und von der langen Fahrt müde. Du sahst so verwegen aus, das machte mir immer Lust auf mehr. Ich war so wahnsinnig glücklich, dass du deinen Geburtstag ausgerechnet mit mir verbringen wolltest, in einer Stadt, die uns beiden nicht liegt, weg von dem Alltag, aber zusammen, wir gegen den Rest, weißt du? Deine Umarmung raubte mir den Atem, weil Zuhause im Prinzip immer nur eine Person sein konnte, mein Zuhause warst schon lange du. Du sahst mir wohl an, dass die letzten Tage schrecklich gewesen waren, deine Hände fuhren über meine Haare und blieben schlussendlich in meinem Gesicht. Mein Kopf war zwischen deinen Händen, keine Geste war mir vertrauter. „Alles Liebe zum Geburtstag“, flüsterte ich dir ins Ohr und wohliger Schauer umgab mich. Ich weiß nicht mehr, wie wir dann gegangen sind, aber ich fand mich gegenüber von dir sitzend, in einem sehr belebten Lokal, die meisten Menschen frustriert über den Regen, dich hat er immer nur schöner gemacht.

Wir hatten uns zu essen bestellt, uns über die Belanglosigkeiten der letzten Woche ausgetauscht, trotzdem schmerzte alles in mir, du warst viel zu lange weggewesen. Immer und immer erlebte ich diesen Zwiespalt, dass du schmerztest, wenn du weg warst, weil du fehltest und wiederum schmerztest du, wenn du da warst, weil du so großartig und so wunderschön warst und immer die Angst sich breit machte, dass jeder Tag der letzte mir dir gewesen sein konnte und ich ebenso wenig passend sein würde. Das Bild von dir hatte ich in Zeitungspapier eingewickelt gehabt und dir aus meiner Tasche vorsichtig gezogen in die Hand gedrückt. „Da für dich, ein Selbstportrait“, und gleichzeitig wollte ich mich wieder verfluchen, weil ich Bild deiner selbst sagen wollte und ich wusste, dass du mich genau in diesem Moment schelten würdest, aber ich war zu aufgeregt, mich auszubessern und in gerade in jenem Augenblick hattest du es getan. „Das ist ein Bild von mir“, stammeltest du in das Papier hinein. „Ich sehe ja aus wie ich, das bin ich“, folgte sofort weiter und ich wusste, wie sehr du dich darüber freutest. Behutsam packtest du es in deine Tasche und blicktest mit einen großen, vertrauten Knopfaugen in meine Visage.

Es ist bildschön.“

 

 

[.txt*] ist ein grandioses Projekt von Dominik Leitner. Jedes Monat betritt ein neues Wort die Bühne, dass verlangt, schriftlich aufgeführt zu werden. Das inszenierte Wort für diesen Monat ist Bild. Die anderen wunderbaren Beiträge sind hier zu finden: weitere Beiträge.

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